"Die österreichische Rechte eint keine kompakte, gefestigte Weltsicht. Sie sind in ihrer Masse weder Neonazis noch deutschnationale Romantiker, obwohl es die am marginalen Rand und teilweise im alten Funktionärskader auch gibt. Sie sind im herkömmlichen Sinn gar keine politische Partei, sondern eine Zusammenballung unterschiedlicher, teilweise sogar widersprüchlicher Vorurteile. Sie sind sowohl proletarisch als auch bürgerlich. Beide bedienen sich eines mehr oder minder charismatischen Aushängeschildes, das sich jeweils in der Pose des Rachengels der sozial Benachteiligten gefällt. Beide geben sich ein dynamisch junges Erscheinungsbild, obwohl die meisten Positionen, die sie vertreten, rückschrittlich sind.
Sie mobilisieren erfolgreich gegen die EU, gegen Ausländer - obwohl sie in diesem Punkt immer wieder zwischen erwünschten und unerwünschten Gruppen zu differenzieren versuchen -, neuerdings auch gegen das Phantom einer islamischen Bedrohung, gegen das Fremde und gegen abgehobene Eliten. Sie geben der sozialen Frustration der österreichischen Gelegenheitsrebellen Gesicht und Stimme. Dabei bedienen sie sich keiner klaren Argumente, sondern einer wilden Mischung aus Halbwahrheiten und Ressentiments, die sie als den vermeintlichen Volkswillen ausgeben. Deshalb sind sie auch für ihre politischen Mitbewerber so schwer fassbar.
Man mag darin klassische Nazi-Muster entdecken wollen. Doch fehlt ihnen sowohl die nötige radikale Entschlossenheit als auch der ideologische Fanatismus. Sie sind politische Opportunisten, wie es Populisten zumeist sind. Am ehesten gleichen sie der sozialen Formation, die Elias Canetti eine "Hetzmasse" genannt hat, von der er in Masse und Macht behauptete: "Es ist die Erregung von Blinden, die am blindesten sind, wenn sie plötzlich zu sehen glauben."
Das macht die österreichische Rechte auch zu einer tatsächlichen Bedrohung für das etablierte politische System, da sie nicht konstruktiv eingebunden werden können, ohne ihre Dynamik zu verlieren. Ihr Ziel sind nicht Reformen in Staat und Gesellschaft, sondern sie sind einzig daran interessiert, ihren populistischen Forderungskatalog fortwährend zu verschärfen."
Quelle: Die Zeit Online: Österreich: Triumph der Opportunisten